Bürgermeister Dr. Johann Schauer



Schulschlussfest


DER MANN


der Wels verändert



Noch nie zuvor haben das persönliche Schönheitsideal, der politische Durchsetzungswille und das "Gespür" für die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung das Welser Stadtbild so sehr geprägt wie während der Funktionsdauer des Bürgermeisters Dr. Johann Schauer in den Jahren von 1887 bis 1914. Anläßlich seines 80. Todesjahres (im Jahr 1994) soll auf diese prägende Wirkung hingewiesen werden.



Ein Schöngeist wird Politiker.


Der am 26.4.1840 in Lambach geborene Sohn eines Seilermeisters studierte nach der Reifeprüfung im Stift Kremsmünster Rechte an der Universität Wien und eröffnete nach einigen Jahren als Konzipient seine Rechtsanwaltskanzlei in Wels im Jahre 1871. Während seiner Rechtsstudien hatte er auch die Akademie der bildenden Künste besucht und seine naturliche Begabung als Zeichner und Landschaftsmaler ausgebildet. Zahlreiche Skizzen, Bleistiftzeichnungen, mehrere Aquarelle und auch Ölbilder aus seinem Nachlaß zeugen vom künstlerischen Sinn dieses auch als Advokat erfolgreichen Politikers. Als Gründungsmitglied des Liberal-politischen Vereins in Wels (1868), mit der Gründung des Welser Verschönerungsvereins (1873) und besonders als Mitglied des Gemeindeausschusses der Stadt Wels sei 1874, am Höhepunkt der liberalen Ära in den Stadtkommunen, gelangte Dr. Schauer in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Aufgrund des bis zum Ende der Monarchie geltenden Zensus-Wahlrechts für Stadtgemeinden mussten sich die damaligen Kommunalpolitiker nicht der heute üblichen Vielzahl der Wählerwünsche stellen, sondern konnten sich eher auf die Wünsche ihres zahlenmäßig geringen Wahlkörpers konzentrieren. Als Mitglied und Vorsitzender der städtischen Bausektion hatte er vorerst wesentlichen Anteil an der Niederlegung der eng gewordenen Stadtmauern ab 1875, an der Auffüllung des Stadtgrabens und der Anlange der Ringstraßen. Die im Jahre 1875 für die Stadt Wels beschlossene Bauordnung wurde der realen Entwicklung bald nicht mehr gerecht und wurde um 1890 durch "Stadtregulierungspläne" ergänzt. Zu diesem Zeitpunkt war Dr. Schauer dem langjährigen Bürgermeister Dr. Franz Groß (1861 - 1880, 1883 - 1886) bereits in diesem Amte nachgefolgt und konnte nunmehr umso direkter seinen Einfluss auf die Stadtentwicklung geltend machen.



Ein Villenviertel entsteht.


Ein aus dem Jahre 1888 stammender Stadtplan zeigt eindeutig die Richtungen an: das südlich der Westbahnlinie liegende Gebiet zwischen den eng anliegenden Gemeindegrenzen nach Osten (Pernau) und Westen (Lichtenegg) sollte nach rasterförmig angelegten Straßen und Baulinien verbaut werden. Konsequent umgesetzt wurden diese Pläne im Villenviertel zwischen Bahnhof und Stadtzentrum in den folgenden zwei Jahrzehnten. Die ab 1891 von der Stadt erbaute und bis 1913 ständig erweiterte Ulanen-Kaserne bildete mit neu angesiedelten Industriebetrieben (Epple & Buxbaum, Fa. Knorr, etc.) den baulichen Abschluß im Osten. Im Südwesten des Stadtzentrums waren schon ab 1878 Volksgarten, Volksfesthalle und Ausstellungsgelände wesentlich nach Dr. Schauers Planungen entstanden, an der nach Osten neu projektierten Wasserstraße (heute Volksgartenstraße) ließ er 1880 von Baumeister Josef Weixelbaumer "seine" Villa errichten.



"Neustadt" auf der grünen Wiese.


Für das nördlich der Westbahnlinie gelegene Gebiet bis zur alten Lambacher Straße (heute Römerstraße) sah die Planung im Jahre 1888 - mit Ausnahme des 1886 eröffneten Gemeindefriedhofs im Osten - nur Straßenführungen und Baulinien vor. Doch gerade dort setzte ab 1890, vorerst um den von Dtr. Schauer vorgegebenen Grünbachplatz, eine rasante Bauentwicklung ein. Die Benennung dieses Stadtteils mit "Neustadt" im Jahre 1898, die Errichtung des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz (1903 eröffnet) und der Bau der Herz-Jesu-Kirche, praktisch auf der grünen Wiese, in den Jahren 1912/14 ergänzt durch en Jugendbaustil der Volksschule Neustadt, kennzeichnen diese Entwicklung. Wels wird modern. Es fehlt der Raum, um alle Initiativen auch nur aufzuzählen, die in der 27 Jahre währenden Amtsperiode des Bürgermeisters Dr. Schauer umgesetzt wurde: die Schulbauten, vorrangig das städtische Gymnasium (eröffnet 1901), die Parkanlagen, darunter auch die Reinberganlage mit der Marienwarte (1892), die Ansiedlung moderner Industriebetriebe, der Ausbau der Linien der Welser Lokalbahn nach Süden (Rohr und Grünau), die Errichtung moderner Versorgungseinrichtungen wie das Elektrizitätswerkes und des städtisches Gaswerks ließen die Stadt Wels im Jahre 1914 als im gutbürgerlichen Sinne modern und lebenswert erscheinen. Gleichzeitig drückte arge Wohnraumnot besonders die unteren Schichten der Bevölkerung, für die nur Unternehmen wie die Firma Fritsch Abhilfe schufen. Als wesentliche Unterlassungssünde stelle sich in der Folgezeit die zu zögerlich angehende Umsetzung der Projekte für Wasserleitung und Kanalisation heraus, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg konsequent realisiert wurden. Bezieht man in diese Beurteilung auch die nach 1888 aus (partei)politischen Gründen nicht mehr angestrebte Autonomie der Stadt Wels als Statutarstadt ein, ergibt sich letztendlich ein etwas zwiespältig ausfallendes Bild der Stadtentwicklung unter dem Bürgermeister Dr. Johann Schauer.


Günter Kalliauer